Work & Travel in Island: Schafabtrieb Teil II – Réttir und Wettbewerbe

Wer denkt, dass der Schafabtrieb in Island das einzige Highlight im Herbst ist, hat weit gefehlt. Klar, vom Réttir hat man evtl. schon etwas gehört, aber der Abtrieb wird von weiteren Arbeiten und Events begleitet. Das fängt beim einfachen Wiegen jedes einzelnen Schafs an und geht mit verschiedenen Wettbewerben weiter. Diese Wettbewerbe sind tolle Gelegenheiten sich zu treffen, sich auszutauschen, lauter gutes Essen zu essen und natürlich auch, um zu schauen, wie die eigenen Tiere im Vergleich mit anderen Abschneiden.

Heute möchte ich von ein paar Abläufen und Highlights berichten, die einem als Touristen eher verborgen bleiben.

Réttir – wenn alle Schäfer zusammenkommen

An einem Tag im September kommen alle Schäfer einer Region zusammen, um aus allen Schafen, die in der Gegend aus den Bergen abgetrieben wurden, ihre eigenen heraus zu suchen und sie zu ihren Höfen zu bringen. Wir machten uns noch vor dem Mittag essen, mit kleiner Stärkung, auf den Weg. Ich dachte schon: „Was? Kein richtiges Mittagessen?“, aber das war nach getaner Arbeit schnell vergessen, denn es gab Kjötsúpa. Den traditionellen isländischen Lammeintopf.

Man muss sich das so vorstellen: An den Tagen vor dem Réttir hat man einen Großteil der Schafe aus den Bergen auf eine bestimmte Weide getrieben. Direkt neben dieser liegt ein großer Pferch, woran rundherum viele kleine Gehege angrenzen. Jeder Hof hat sein zugewiesenes Gehege. Der Tag hat Volksfest Charakter. Alle Bauernfamilien sind mit Kind und Kegel da und helfen. So ist es auch ein Leichtes, immer wieder so viele Schafe in den Pferch zu treiben, bis er voll ist, ohne, dass eins ausbückst.

Die Schafe lassen sich leicht an der Nummer im Ohr zuweisen. Meine Familie hat das sehr schlau gemacht: Statt, wie die meisten, ihre Schafe am linken Ohr zu markieren, haben sie ihre am rechten markiert, sodass sie ihre Tiere schneller erkennen konnten. Das Ganze geht so lange, bis alle Schafe ihrem Hof zugeordnet wurden. Nach getaner Arbeit sind wir dann in das Gemeindehaus gegangen, wo es erst einmal Essen gab. Wie oben schon erwähnt, haben wir uns für Kjötsúpa entschieden. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt, etwa 22. September (am 10. war ich angekommen), hatte ich noch keine gegessen, weswegen mir klar war, dass ich sie nun unbedingt probieren möchte.

Nach dem Essen mussten wir unsere Schafe nur noch auf den Anhänger verladen, darunter auch ein paar von einem Nachbarn und schon ging es wieder zurück zum Hof. Die Nachbarn von uns hatten nicht ganz so viele Schafe wie wir, sodass sie ihre mit in unser Gehege gesteckt hatten. So sind sie später noch zu unserem Hof gekommen, um sie zu verladen und mit zu sich zu nehmen. Man hilft sich dort!

Auf dem ersten Foto sieht man schön, wie die Leute nach ihren Tieren ausschau halten. Auf dem zweiten sieht man ein paar von unseren Schafen und das letzte zeigt einen Bericht über das Schaf-Event (Wie ich es getauft habe).  Mein Gastbruder hatte ihn mir gezeigt und darauf hingewiesen, dass das Schaf, was da so schön „fliegt“, wahrscheinlich eins von uns war, da es am linken Ohr keine Markierung hatte. ;)

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Schafe wiegen, markieren und sortieren – Isländisch lernen inklusive

Während wir in Großstädten nicht mal die Namen unserer Nachbarn kennen, bezeichnet die isländische Landbevölkerung selbst Leute als Nachbarn, deren Häuser, bzw. Höfe, sie nicht mal sehen können, weil sie mehrere Kilometer entfernt liegen. Und anders als hier, kennt man sich sehr gut, hilft, wo man kann. So auch am Tag des großen Wiegens und Schafe Beurteilens. Hat man alle Schafe aus den Bergen abgetrieben, geht die Arbeit nämlich weiter. Die Hilfe wird auch benötigt, denn mehrere Hundert Schafe müssen zuerst von den Weiden in den Stall getrieben, gewogen, die Wolle und das Fleisch bewertet und die Ergebnisse notiert werden.

Wer sich schon immer mal gefragt hat, wofür die ganzen Wassergräben sind, die die Weiden in Island unterteilen: Zum leichteren Treiben der Tiere. Das Haus mit dem roten Dach auf obigem Foto, ist der Schafstall. Die Weiden darüber, mit den längs laufenden Gräben, sind die Schafweiden. Von dort mussten die Schafe erst einmal in den Stall getrieben werden. Um auf jedem Feld zeitgleich die Schafe treiben zu können, brauchte es mehr als 10 Personen, plus Hütehunde. Größtenteils klappte das ganz gut, aber irgendwer muss ja immer aus der Reihe tanzen. So ist ein Schaf über den Zaun gesprungen, sodass wir erstmal die Kettenreaktion unterbinden mussten. Dank Hütehund, haben wir das eine aber schnell wieder eingefangen bekommen. Im Stall angekommen, wurden sie in die einzelnen Gehege getrieben. Nun konnte es losgehen. An dem Tag waren nicht nur Nachbarn da, sondern auch 2 Fachleute, die die Wolle der Schafe beurteilt haben, sowie, mit einer Art Ultraschallgerät, das Fleisch und dessen Fettanteil bewertet und bestimmt haben. Zusätzlich wurde jedes einzelne Tier gewogen.

Nach und nach wurde jedes Tier zur Beurteilungsstation geführt. Natürlich habe ich auch da mitgeholfen. Wenn das Tier Hörner hat, ziehst du es nicht von vorne in die Richtung in die es soll, nein, du steigst auf, nimmst es bei den Hörnern und läufst mit ihm nach vorne. Selbstverständlich setzt man sich nicht drauf. Wenn es keine Hörner hat, packt man es an der Nackenwolle, denn an der Stelle tut es dem Tier nicht weh. Aber wie das mit wilden Tieren eben so ist, lassen sie sich nicht alles gefallen. Was ja gut ist. Nur nicht in Punkto, wie viele Blaue Flecken man davon trägt. Beispielsweise hat ein Schaf so plötzlichen einen Satz nach Links gemacht, sodass mein Knie mit voller Wucht gegen eine Mauer gestoßen ist. Aber: Ein Bauer kennt keinen Schmerz!

Auch wurden die Tiere hier nach „behalten“ und „Schlachter“  sortiert und mit verschiedenfarbigen Viehzeichenstiften am Kopf entsprechend markiert. Fun fact: Auf den Markern stand tatsächlich „Viehzeichenstift“. Später bekam ich die Aufgabe, die Schafe nach der Beurteilung entweder nach Links oder Rechts ins Gehege zu lotsen. Mein Gastbruder hat sich an dem Tag, wie so oft, dazu entschieden, mit mir Isländisch zu sprechen. Ein Schaf war fertig und es sollte ins, von ihm aus, linke Gehege, sodass er einfach nur meinte „Vinstri!“. Daraufhin meinte ich zu ihm „Do you mean „to the left“?“, was richtig war. Sobald er bei mir merkte, dass ich etwas verstand, hat er danach immer nur noch das isländische Wort benutzt. Und im Kontext konnte ich mir natürlich zusammenreimen, dass „hægri“ rechts bedeuten muss. Eine bessere Art eine Sprache zu lernen, gibt es nicht. Das gleiche mit den Zahlen. An einem anderen Tag hatten wir, in kleiner Runde und mit weniger Schafen, schon einige Tiere gewogen. Dazu wird die Nummer im Ohr in einem Verzeichnis herausgesucht, das Tier gewogen und das Gewicht notiert. Und irgendwann fing mein Gastbruder an, die Zahlen und Gewichte nur noch auf Isländisch zu sagen, weil er merkte, dass ich ihn verstand. Ich hätte nie gedacht, dass meine wenigen Schwedischkenntnisse mal so nützlich sein würden. Isländische Zahlen hatte ich zu dem Zeitpunkt nämlich nicht spezifisch gelernt.

Mittags und nachmittags zum Kaffee, wurde dann in großer Runde gegessen. Es gab lauter traditionelle Gerichte, Kuchen und Gebäcke. Für alle Leute, die gerne essen, ein Traum! Einziger Nachteil: In solchen großen Runden wurde ausschließlich Isländisch gesprochen und obwohl ich hin und wider etwas verstehen konnte, zum Beteiligen reichte es vorne und hinten nicht. Am Abend, wieder bei den Schafen, hörte ich aber, wie mein Name fiel, sodass ich aufhorchte. Ich dacht noch so bei mir: „Wollen sie, dass ich gleich beim Melken helfe? Oder verstehe ich das falsch?“, aber keine zwei Minuten später meinte mein Gastbruder zu mir: „Komm, wir gehen die Kühe melken.“. – Das kam überraschend! ;) Es war immer wieder faszinierend, wie gut ich Isländisch nach so kurzer Zeit ohne Vorkenntnisse verstehen konnte.

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Ein Schaf-Wettbewerb auf Island. Oder: Schaf-Contest Teil 1

Der Schaf-Contest, wie ich ihn getauft habe, fand Mitte Oktober statt. Die Woche vorher hatte ich Urlaub. Mein Gastbruder und Vorgesetzter hatte gemeint: „Die nächste Woche soll in ganz Island schönes Wetter sein. Möchtest du da frei haben?“. Als ob ich das abgelehnt hätte. Trotzdem habe ich meinen Urlaub in Nordisland so getimed, dass ich pünktlich zum Wettbewerb wieder zurück war. Mir war freigestellt, ob ich mitkomme. Aber: Als ob ich mir das hätte entgehen lassen!

Vor dem Wettbewerb haben meine Gastmutter und -vater die Listen mit den Bewertungen ihrer Schafe rauf und runter studiert. Diese Werte waren natürlich die besten Indikatoren dafür, welche Schafe sie beim Wettbewerb an den Start gehen lassen sollten. Dieser Wettbewerb fand an 2 Tagen auf 2 unterschiedlichen Höfen statt. Einmal vor der Landesgrenze und einmal dahinter. Dies bedeutete, dass wir am ersten Tag selbst keine Schafe dabei hatten, denn jedes Schaf, welches hinter die Landesgrenze gebracht wird, muss aus Säuchenschutzgründen geschlachtet werden. Außerdem hatten wir auf anderen Höfen nie die Gummistiefel an, die wir in unseren Ställen oder auf unserem Land trugen. Aus dem gleichen Grund.


An den Tagen waren auch wieder unsere 2 Fachmänner da. Dieses Mal wurde aber kein Gerät zum Einsatz gebracht, sondern die Tiere nur befühlt. Wie die Schenkel sind, wie die Wolle, die Hörner, ect. Neben den Fachmännern, durften auch alle anderen die Tiere….begrabbeln. Ehm, ich meine: Bewerten! Nachdem die Tiere alle bewertet waren, durften wir uns alle an einem großen Buffet bedienen. Es gab Hangiálegg auf Flatkökur, Snuðar (isländische Zimtschnecken), Kuchen, Pönnukökur, Kleinur, und, und, und.

Auf der Heimfahrt, fragte mich mein Gastbruder, welches Schaf denn in meinen Augen heute das beste war. Auf meine Antwort, dass ich das noch nicht beurteilen könnte, meinte er, dass die besten Schafe auch noch nicht dabei gewesen wären. „Eure.“, vermutete ich. Darauf bekam ich mit breitem Grinsen, ein sehr überzeugtes: „Genau!“, zur Antwort. Er war sehr überzeugt von seinen Tieren und es sollte sich herausstellen: Er hatte allen Grund dazu.

So sehen Sieger aus – die Gewinner beim Schaf-Wettbewerb

Der 2. Tag des Wettbewerbs lief genauso ab, wie der erste. Erst die Tiere bewerten und danach gut Essen. Nach dem Essen gab es dann zusätzlich noch die Siegerehrung.

Es wurde in 5 Kategorien nach dem jeweils besten Schaf gesucht und Preistafeln ( nur 1. Platz) und Sachpreise für die Plätze 1 bis 3 vergeben. Folgende Kategorien gab es: Beste Wolle, bestes schwarzes Schaf, bestes Schaf mit Hörnern, bestes Schaf ohne Hörner und bestes Schaf von allen. Gut, ich hoffe, dass ich mich mit den Kategorien nicht vertue. Wenn ja: Ich schieb’s auf meine mangelnden Isländisch Kenntnisse. ;)

In 4 von 5 Kategorien hat meine Familie mitgemacht und immer einen der 1. drei Plätze belegt. Schwarze Schafe hatten sie keine mitgenommen. Nein, was habe ich mich für sie gefreut. Als letztes wurde die größte Tafel überreicht und somit der Preis für das beste Schaf von allen: Und ja, meine Familie hat doch tatsächlich diese Kategorie gewonnen. Der Optimismus am Vortag war durchaus berechtigt!

Das Schaf mit den Hörnern auf obigem Foto wurde zum besten Schaf von allen gekürt und ich schätze, das andere hat einen Platz in der „Beste Wolle“-Kategorie bekommen. Die Wolle ist beeindruckend!

Der einzige Wermutstropfen am Schafe Wiegen oder den Wettbewerbstagen, war die Temperatur in den Schafställen. Ich war froh um meinen Overall, der, der einer Ganzkörper Winterjacke glich.

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Schafböcke sind beeindruckende Tiere

Ein weiterer, kleiner Wettbewerb, wurde auf unserem Hof ausgetragen. Wir selbst haben nicht mitgemacht, da wir keine Böcke auf unserem Hof hatten. In kleiner Runde wurden dieses Mal, statt Schafen, Böcke bewertet. Das lief genau so ab, wie bei den Weibchen, jedoch habe ich mich komplett aus der Sache heraus gehalten und nur zugeschaut. Denn jeder einzelne Bock brachte jeweils mindesten 100 kg auf die Waage und die Hörner waren so mächtig, dass ich ein Tier niemals gebändigt bekommen hätte. Auch hier wurde eine Preistafel verliehen und das süßeste Siegerfoto der Welt gemacht. Mutter und Vater jeweils neben dem Bock, der kleine, etwa 2 jährige Sohn mit Isländerpulli mit Schafmuster auf dem Rücken des Bocks.

Das war mein kleiner Einblick an Arbeiten und Events, die den Schafabtrieb in Island begleiten. Hast du auch schon ähnliches erlebt? Schreibe mir deine Geschichte gerne in einen Kommentar.

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7 Gedanken zu „Work & Travel in Island: Schafabtrieb Teil II – Réttir und Wettbewerbe

    1. Es war auch toll! Wenn du die Gelegenheit dazu hast, kann ich es dir nur empfehlen. Natürlich ist es auch teilweise hart und anstrengend, aber es war eine einmalige Erfahrung die ich nicht mehr missen möchte.

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