Island
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Work & Travel auf Island: Ankunft & Arbeitsalltag

Wie viel Zeit würdest du brauchen, um dich seelisch und moralisch auf einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt vorzubereiten? Mir blieb beim Thema Work & Travel genau eine Woche ab der Zusage des Hofes, bis zu meinem Abflug. Das ging überraschend gut. Ich bin aber auch von der Sorte Mensch, die erst 5 Minuten vorher nervös wird. In dem Falle also, als der Bus an meinem 2. Tag auf Island an der Haltestelle hielt, an der ich das erste Mal auf jemanden aus meiner Gastfamilie traf.

Scheinbar brauchte „mein“ Hof ziemlich spontan jemanden und da ich flexibel war und der Hof genau meinen Wünschen entsprach (Farmarbeit mit Tieren), habe ich nicht lange gezögert und zugestimmt. So kam es im September 2013, dass ich bei sommerlichen 33°C nach Island flog, wo mich ganze 8°C erwarteten.

Als ich also zum aller ersten Mal überhaupt isländischen Boden unter meinen Füßen hatte und nach draußen schwankte (Vielleicht war es auch nur mein Kopf? Nach 3 Stunden heftigster Turbolenzen war ich mir da nicht ganz sicher.), fielen mir genau 3 Dinge auf: Es ist ja gar nicht kalt. Es stürmt ganz schön (Sturm von der Sorte, wo man kaum Luft bekommt). Oh mein Gott, was ist das für gute Luft (Wahrscheinlich kam der Wind aus Richtung Meer und nicht aus Richtung Rollfeld.)?

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Einweisung in Island

Die erste Nacht habe ich in Reykjavik verbracht. Am nächsten Tag sollte es nach einer kleinen Einweisung der Organisation zu meinem Hof gehen.

Am nächsten Morgen wurde ich an meiner Unterkunft abgeholt und zur Austauschorganisation gebracht. Dort wurden mir generelle Sachen erläutert, nochmal klar gemacht, dass man sich als Familienmitglied zählen soll und dementsprechend auch mithilft, ect. Aber der für mich nützlichste Aspekt an diesem Vormittag war der Ausdruck des isländischen Alphabets, den ich bekommen habe. Jeder einzelne Buchstabe wurde mit mir durchgegangen und ich sollte mir in Deutsch daneben schreiben, wie man sie jeweils ausspricht. Das war Gold wert! Außerdem bekam ich eine isländische SIM-Karte und wir sind die Busverbindung durchgegangen, die ich nehmen musste, um zu meinem Hof zu gelangen. Anschließend hatte ich ein paar Stunden Zeit, um mir Reykjavik anzuschauen, bevor es dann mit dem Bus Richtung Norden ging.

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Ankunft am Hof

Nach 2 Stunden Fahrt und einmal Umsteigen kam ich endlich an. Das letzte Stück der Strecke war ich schon ziemlich müde (2h Zeitunterschied), weswegen ich ein wenig ungeduldig wurde. Links und rechts der Straße waren Felder, hier und da sah man die Lichter von Bauernhöfen in der Ferne und irgendwann dachte ich bei mir: „Kann ich nicht endlich da sein? Dieser Bauernhof wäre perfekt. Blick aufs Meer, hinterm Haus Berge, einfach traumhaft.“. Wenige Minuten später hielt mein Bus und ich konnte endlich aussteigen. Da sonst niemand an der Haltestelle wartete, war schnell klar, dass die Frau im silbernen Pick-up wohl auf mich wartete.
Und wusch: Da war die Nervosität!

Wir begrüßten uns, verfrachteten meinen Koffer im Kofferraum und schon ging es los. Auf meine Frage, wie weit es denn noch zum Hof sei, meinte sie, dass es nicht weit wäre. Und ja: Ich habe tatsächlich den Hof erwischt, den ich mir vorher „ausgesucht“ hatte. Wie genial ist das?

Als ich gerade all mein Gepäck in mein Zimmer gebracht hatte, kamen schon mein Gastbruder und -vater vom Kühe melken zurück und es gab Abendessen. Ich war nicht wirklich fit. Ich brauche immer etwas, bis ich mich an Zeitumstellungen gewöhnt habe. So hatte ich 2 anstrengende Tage hinter mir (Reisen, Turbolenzen, so viele neue Eindrücke und fast non-stop Englisch sprechen, was kein Problem ist, aber ungewohnt) und Abendessen gab es um 20 Uhr, also 22 Uhr deutscher Zeit. Ich war ein klitze kleines Bisschen neben der Spur.

Aber dann ging es los: Das erste Abendessen! Es gab einen ganzen Lachs, inklusive Eiern, mit Kartoffeln, Kohl und wahrscheinlich auch Butter. Ich sage euch, ich habe noch nieeee vorher und auch nie wieder danach so dermaßen guten Lachs gegessen. Ich hätte keine Beilagen gebraucht! Später sollte ich erfahren, dass die Lachse, die es manchmal gab, aus einem Fluss ganz in der Nähe des Hauses stammten.

Nachdem ich geklärt hatte, wann ich morgens aufstehen sollte („We try to get up at 7 o`clock“), habe ich mir noch eine Dusche gegönnt und bin ins Bett.

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Ein ganz normaler Tag auf der Farm

• 7:00 – Mein Wecker klingelte
• Ab 7:15 bis spätestens 7:30 habe ich mich auf zum Frühstück gemacht
• Um 7:45 habe ich das Haus verlassen. Immer als Zweite. Erst der Vater, dann ich, dann mein Gastbruder. Meine Gastmutter hat in der Zeit andere Sachen erledigt. Sie hat dummerweise eine Kuhhaar-Allergie. ;D
• Kälber füttern, Stall ausmisten (aka „cleaning shit“ bei den „Durchfallgittern“), Kühe melken, Melkmaschinen säubern, altes Heu durch neues Heu tauschen, Kühe auf die Weide treiben. Dauer meistens bis 10 Uhr. An guten Tagen auch mal nur bis 9:30.
• Anschließend Pause – Tee- & Kaffee-Pause mit Gastbruder, dann Isländisch üben (freiwillig ;D).
• 12:00/ 12:30 – Mittagessen
• Nach Mittagessen auf der Kuhweide den Zaun am Kohlfeld verrücken, sodass die Kühe weiter fressen konnten. Kälber füttern.
• 16:00 Kaffeezeit
• 17:30 Kühe von der Weide in den Stall treiben, Kälber füttern, Kühe füttern, Kühe melken, Melkmaschinen reinigen, shit cleaning, Heu füttern.
• 20:00 Feierabend und Abendessen

So sah ein ganz normaler Tag im September für mich aus.

Wie man sehen kann, hatte ich zwischendurch immer viel Freizeit. Jeden Tag gab es 4 Mahlzeiten und so ließ sich die ungewohnte körperliche Arbeit ziemlich gut bewältigen. Als dann der Schafabtrieb (Réttir) begonnen hatte, kam die Arbeit mit den Schafen natürlich noch zusätzlich dazu. Als es kälter wurde, der Boden glatt war oder als der Schnee liegen blieb, kamen die Kühe nicht mehr auf die Weide und mussten so mittags gefüttert werden. Die Schafe kamen außerdem in den Stall, welche natürlich auch versorgt werden mussten.

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Mein erster Tag vs. 1000 erste Male

Der Wecker klingelte um 7 Uhr. Mein erster Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass in der Nacht Schnee gefallen war. Vor Zwei Tagen hatte ich noch hochsommerliche 33°C, nun aber hatte der Winter Einzug gehalten. Aber es half ja nichts, ich musste aufstehen.

Am Frühstückstisch setzte sich fort, was sich beim Abendessen schon abgezeichnet hatte. Erst einmal abwarten, wie die „Einheimischen“ das Gericht essen und dann souverän nachmachen. Zum Frühstück gab es Porridge. Aber nicht so, wie ich es in Dublin kennengelernt und zu Hause nachgemacht hatte, mit Obst und Honig. Nein, klassisch mit Hafer, Wasser und Salz. Am Tisch hat sich jeder nach Belieben noch frische Milch (von den eigenen Kühen natürlich) dazu genommen.

Erst mal war salziges Porridge am Morgen ungewohnt, die Milch schmeckte, da sie absolut unbehandelt war (außer gefiltert/ gereinigt), total anders, als jede Milch, die ich bisher getrunken hatte und dann war da ja noch Lýsi. Man wollte mich also schon vor 8 Uhr morgens auf die Probe stellen. ;D Wer Lýsi nicht kennt, es ist ein Fischöl (Reich an Omega-3, Vitamin A, D und E.), worauf die Isländer schwören und wovon sie jeden Morgen 1 EL pur nehmen. Ja, mittlerweile habe ich auch ein Fläschchen bei mir zu Hause. Aber ich kann euch beruhigen, irgendwann habe ich die Art des Porridges zu lieben gelernt und ich habe nirgendwo anders mehr so gute Milch getrunken. Frischmilch von deutschen Bauern kommt immerhin nah heran. Beim Zähneputzen habe ich das Wasser nicht lange genug laufen lassen. So hatte ich nach Milch und Fisch, nun auch noch Ei Geschmack im Mund.
Der Tag konnte also losgehen!

Am ersten Morgen wurde ich gefragt, ob ich mit zum Schlachter kommen wollte oder beim Melken helfen. Im Nachhinein bereue ich, nicht mit zum Schlachter gefahren zu sein. Es ging um Schafe und ich liebe Schafe……

Bevor es also das erste Mal zum Kuhstall ging, habe ich die 3 Schäferhunde kennengelernt. Eine knuffiger, als die andere. Nun gut, aber hier musste ich mich auch erst an den Umgang gewöhnen, da ich vorher noch nie mit Hunden zu tun hatte. Aber ganz so schlecht habe ich mich wohl nicht angestellt, denn eine hat sich direkt mal auf meine Füße gelegt.

Im Stall angekommen, wurde mir mein Melkkittel, Armstulpen, Einweghandschuhe und ein, wie ich ihn getauft habe, „Umschnallschemel“ überreicht. Später gesellte sich noch eine Kappe hinzu. Schon mal einen Kuhschweif ins Auge bekommen? Bevor es aber mit dem Melken losging, wurde mir gezeigt, wo ich die Milch für die Kälbchen finde, wie ich sie aufwärme (39-40°C) und wie ich die Kälbchen füttere.

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Kälbchen zu füttern klingt in der Theorie super und knuffig. In der Realität sieht es etwas anders aus. Die ganz kleinen, frisch geschlüpften, müssen erst mal kapieren, dass Milch etwas tolles ist und da kann es schon ganz schön lange dauern, bis ein 3 Liter Fläschchen leer ist. Sobald sie es dann verstanden haben, können sie nicht genug bekommen und stoßen einen mit ihrer harten Stirn gegen den Oberschenkel oder nuckeln an deinen bis dahin noch sauberen Klamotten, um deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber: Wenn sie dich einmal treudoof anmuhen, ist alles vergessen. ;D

Danach wurde ich in die hohe Kunst des Kühe Melkens eingeweiht.
Als aller erstes wäscht man den Euter mit warmen Wasser und melkt jede Zitze kurz von Hand, um zu überprüfen, ob auch keine entzündet ist (Man sieht und spürt es.). Wenn alles gut ist, kommt die Melkmaschine dran. Sie hatten 2 Typen. Ältere Modelle und neuere. Natürlich ging es mit den neueren leichter. Gott, was habe ich die älteren am Anfang verflucht und mein Unvermögen und meine kleinen Hände. Es hat Übung erfordert! Genau wie das von Hand Melken. Und je älter die Kuh, desto schwerer ist es.

Nachdem das Melken abgeschlossen war, habe ich die Melkmaschinen gesäubert und beim Heu füttern geholfen. Anschließend haben wir die Kühe auf die Weide getrieben und mir wurde gezeigt, wie weit ich beim Kohlfeld den Zaun nach hinten zu verlegen habe, damit sie nicht zu viel oder wenig fressen.

Als das erledigt war, hatten wir erst einmal Pause, sodass wir uns Kaffee und Tee (ich) gegönnt haben. Mittags schallte dann ein „Matur“ durchs Haus. Da mich das ans schwedische „maten“ erinnert hat, habe ich mir gedacht, dass es wohl Essen gibt. Mittags gab es immer etwas warmes und Dessert.

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Danach habe ich „Sonnenfrei“ bekommen, weil es scheinbar seit Langem nochmal schön war. Es hatte wohl den ganzen Sommer durch geregnet. So habe ich meine Wanderschuhe ausgepackt und das Land und die Berge hinter dem Haus erkundet. Pünktlich um 16 Uhr war ich wieder da. Wie sich herausstellen würde, zu meiner Lieblingsmahlzeit: „Drekur“ aka Kaffeezeit! Das Wort hatte mich ebenfalls an Schwedisch erinnert. Als meine Gastfamilie merkte, dass ich auf die Wörter reagiere, haben sie auch nicht mehr die englischen benutzt.

Um 17:30 ging es auf die Weide, die Kühe wieder zum Stall treiben, sowie im Stall jede an ihrem Melkplatz anbinden. Aber Vorsicht: „They could crush you!“. So wurde wieder gefüttert, gemolken, sauber gemacht. 20 Uhr waren wir fertig. Dann nur noch Abendessen + Dessert und um 22 Uhr ins Bett.

Das sollte für die nächsten Monate mein Standard Tagesablauf werden.

Nach dem ersten Tag allein, hatte ich schon das Gefühl mehr erlebt und neue Sachen gemacht zu haben, als im letzten Jahr zusammen. Und das war erst der Anfang! Der Schafabtrieb z.B. kam ja erst noch.

Fun facts:

In 3 Monaten habe ich 5kg zugenommen. Muskeln, ich vermisse euch!
Normalerweise ist mein Gewicht immer konstant, aber durch die körperliche Arbeit und die Mahlzeiten, hatte ich ganz schön zugelegt. Jeden Tag 4 Mahlzeiten, 3 davon warm, 2 mit Dessert und jeden Tag Kaffeezeit – also mir hat es gefallen. 😉

Ich habe es nicht extra in meinem Tagesablauf aufgeführt, aber jedes Mal bevor es zu den Tieren ging, wurde sich die Arbeitskleidung angezogen. Jedes Mal, wenn es wieder ins Wohnhaus ging, hat man sich wieder auf private Kleidung umgezogen. Dies auch in einem extra Vorraum zum „Garten“ hin. Andernfalls sähe es im Haus auch aus wie Sau. Auf den Tag gerechnet war das also ein ziemliches Hin und Her.

Heute wollte ich dir einen Einblick geben, wie ein Tag auf der Farm für mich aussah und was einen für Aufgaben erwarten können. In meinen nächsten Berichten werde ich vom Schafabtrieb erzählen und die ein oder andere meiner liebsten Anekdoten.

Alle Infos zur Vorbereitungen des Work & Travels findest du hier. Hast du sonst noch Fragen? Immer her damit!

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0 Kommentare

  1. Hi Cora,
    freut mich, dass ich deine Sehnsucht wecken konnte 😉
    Es war eine traumhafte Zeit. Zwar anstrengend, aber das hat sich gelohnt.
    Liebe Grüße
    Silja

  2. Mamma mia, das klingt nach anstrengender und harter körperlicher Arbeit! Nicht jeder würde es durchhalten. Kälber füttern und Desserts helfen ungemein. 🙂 Wie lange warst du dort? Konntest du richtig Isländisch lernen? Von der Aussprache finde ich es recht schwer. Freue mich auf die Schaf-Geschichte!
    Liebe Grüße, Elke

    • Liebe Elke,

      in gewisser Weise muss ich dir da zustimmen, allerdings hatte ich nur 2x insgesamt Muskelkater. Und das in 3 Monaten. Wenn ich auch noch bedenke, dass ich klein (1,57m) und zierlich bin, war es schon cool zu sehen, wie gut ich das alles gemeistert habe. Man wird da gerne unterschätzt. Selbst die Dame von der Work & Travel Vermittlung vor Ort hatte wohl Bedenken, wenn ich ihre Aussagen richtig gedeutet habe.

      So richtig nicht – leider. Mir fehlte da quasi die Basis. Was ich aber positiv fand und was auch meinem Lerntyp entspricht: Ich habe Isländisch sehr spielerisch und nebenbei gelernt. So kenne ich jetzt viele Begriffe aus der Landwirtschaft, zum Thema Essen, Wetter, solche Sachen. Verstehen fällt mir wesentlich leichter, als das Sprechen, weil die Grammatik noch schwerer ist, als die deutsche und ich keine Übung habe. Aber wenn es um die Aussprache geht, kann ich wieder punkten. Vielleicht ist das der Vorteil, wenn man die Sprache mehrere Monate lang hört und nebenbei die Aussprache übt. Man bekommt so sicher ein recht gutes Gefühl für die Sprachmelodie und wie es klingen muss. Als ich später angefangen habe in Deutschland richtig Isländisch zu lernen, habe ich gemerkt, dass ich teils Umgangssprache benutzt habe und das vielleicht der Grund dafür war, dass ich in Restaurants manchmal für ne Isländerin gehalten wurde.

      Das einzig traurige an den Schaf-Stories ist, dass ich keine 1A Fotos habe, da ich ja beschäftigt war und nur mein Handy zum Fotografieren zur Hand hatte. 😉

      Liebe Grüße
      Silja

  3. Pingback: Work & Travel in Island: Der Schafabtrieb Teil I – Fernwehge

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