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Work & Travel in Island: Schafabtrieb Teil III

Es geht in die dritte und letzte Runde meiner Schafabtriebs-Reihe. Ich habe euch von meinen ersten Versuchen berichtet, von der Paradedisziplin des Schafe Treibens zu Pferd und von den Events und Highlights, die den Schafabtrieb in Island begleiten.

Im letzten Teil möchte ich nun vom letzten großen Abtrieb der Saison erzählen.Hier konnte ich zeigen, was ich in den letzten Wochen alles gelernt hatte. Und das musste ich auch!

Snæfellsnes, Island

Snæfellsnes, Island

Der Schafabtrieb – vor Saisonende nochmal alles geben.

Beim Schafabtrieb ist es so, dass es eine gesetzlich vorgeschriebene Frist gibt (Anfang/ Mitte Oktober, wenn ich mich recht entsinne), bis zu der man alle Schafe aus den Bergen zurück zum Hof getrieben haben muss. Im Jahr 2012 gab es, vor allem in Ost-Island, einen sehr frühen Wintereinbruch. Zu dem Zeitpunkt befand sich aber noch ein Großteil der Schafe in den Bergen, weswegen diese durch die Schneemassen nichts mehr zu Fressen fanden und geradezu feststeckten. Natürlich sind dabei viele Schafe zugrunde gegangen, was für die Bauern mit großen finanziellen Verlusten einher ging. Um dem vorzubeugen, wurde die Frist festgelegt.

An unserem letzten Tag wurden wir mit Traum-Wetter belohnt. Nicht ein Wölkchen war am Himmel. An dem Tag habe ich auch gelernt, dass „ský“ (sprich: ski) nicht Himmel, sondern Wolke heißt. Ihr seht also, die Fotos sind leider nicht vom Tag des Abtriebs selbst, sondern ein paar Wochen später entstanden. Mein Handy-Akku hatte den Geist aufgegeben, noch bevor es richtig losgegangen war. Ihr glaubt nicht, wie mich das geärgert hat. Dieses Licht, dieser Ausblick! Aber ich habe noch die Erinnerung. Mal ganz davon abgesehen, dass wir die Handys auch zur Kommunikation und Koordination während des Abtriebs genutzt haben.

Für diesen Tag haben wir zweier Teams gebildet. Meine Gastmutter und mein Gastbruder haben zusammen mit den 2 Hunden den Hausberg bestiegen. Mein Gastvater und ich sind mit dem Auto ca. 10- 15 Minuten bis zum Grundstück eines Nachbarn gefahren, haben das Auto abgestellt und haben erst einmal einen Berg erklommen. Auf den Fotos sieht man das schön. Die Fotos zeigen die Perspektive, die sich meiner Gastmutter und meinem Gastbruder bot. Ich selbst bin irgendwann mal aus Spaß und weil ich frei hatte, hochgestiegen. Wenn man in die andere Richtung blickt, kann man den Snæfellsjökull sehen.

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Das erste Ziel an dem Tag war das Bergplateau (siehe Foto). Um dort hin zu gelangen, haben wir das Auto kurz vor dem Lavafeld abgestellt und haben uns seitlich davon, über „Schafpfade“, unseren Weg nach oben gebahnt. Vorher mussten wir noch einen relativ breiten und tiefen Bach überqueren. Zwar hatte ich mittlerweile viel Übung darin über eben solche drüber zu springen, aber dieser war dann doch etwas breiter als sonst, sodass ich etwas Bammel hatte. Berechtigt, wie ich beinahe feststellen musste. Die andere Seite habe ich so gerade mit der Schuhspitze erwischt, das Gleichgewicht war aber nicht so ganz auf meiner Seite. Glücklicherweise hat mein Gastvater mich im Auge behalten und mir rechtzeitig seine Hand entgegen gestreckt. Welch schöner Start in den Tag wäre das gewesen: Bei -3°C und Polarwind in einen Gebirgsbach fallen.

Oben angekommen, wurden erst einmal die anderen angerufen, die man mit einiger Mühe bereits in der Ferne auf der anderen Seite sehen konnte. Man würde meinen, dass man Menschen in neonfarbenen Warnwesten in einem Gebirge gut sehen würde. Leider ist dies nicht der Fall. Neben der Aufgabe Schafe mit bloßem Auge von Steinen und kleinen Schneehaufen zu unterscheiden, versucht man manchmal auch einfach nur seine Mitstreiter zu lokalisieren. Das geht bei tiefstehender Sonne genau so, wie man das aus Indianer-Filmen kennt: Mit der Hand die Augen abschirmen und die Landschaft beobachten.

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Wer braucht im Gebirge Wanderschuhe, wenn man auch Gummistiefel tragen kann?

Und auch dieses Mal haben wir uns aufgeteilt. Meine Aufgabe war, die Schafe davon abzuhalten in die Richtung zu flüchten, aus der wir gekommen waren, sowie die Schafe, die ich entdecke, in Richtung Osten am Bach entlang oder über den Bach drüber zu treiben. Meine Gastmutter und -bruder haben die Schafe von „ihrem“ Berg im Norden in die Schlucht getrieben. Mein Gastvater war im Westen und hat quasi von hinten das Feld aufgerollt.

Das Ziel war also Osten. So viel war klar. Nach mehreren Tag an denen ich bereits beim Abtrieb dabei gewesen war, fühlte ich mich in meinem Tun wesentlich sicherer und die Anspannung war weg. So hatte ich auch ein Gefühl dafür, wann ich es entspannter angehen lassen und ich mich der fantastischen Aussicht widmen konnte. Das Wetter war so gut, dass man sogar bis zur Reykjanes Halbinsel blicken konnte. Und wieder: Hinter mir waren die Berge, vor mir das Meer. Hier habe ich außerdem nochmal bewusst festgestellt, was ein Unterschied saubere Luft macht. Kurz nachdem ich aus Island zurück war, habe ich einen kleinen Berg bestiegen. Im Rheinland gibt es ja hin und wider Kohlenberge, die wirklich nicht hoch sind, aber ich habe nach der Hälfte der Strecke schon gemerkt, dass das nicht ganz so locker flockig geht, wie ich das erwartet hätte. Der Berg in Island hat mir weniger Probleme bereitet und der hatte nichtmal befestigte Wege. Und ich hatte Gummistiefel an!

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Ich muss gestehen, an dem Tag hatte ich nicht sehr viel zu tun. Aber sobald du Schafe siehst, fängt der instinktive Teil der Arbeit an. Wenn du in 5 m Entfernung ein dreier Grüppchen liegen siehst, stellst du dir immer folgende Fragen:

Wie seht der Wind? Haben sie mich schon gewittert?
Welchen Bogen laufe ich am besten, um nah genug dran zu kommen, bei einer Flucht der Tiere in die falsche Richtung aber so günstig zu stehen, dass man ihnen noch schnell genug den Weg abgeschnitten bekommt? Im Sprint über Geröll und Stock und Stein versteht sich.

Ein Grüppchen ist mir leider tatsächlich entkommen. Sie sind hinter einem Felsvorsprung am Hang verschwunden und als ich hinter ihm war, war von ihnen nichts mehr zu sehen. Daher bin ich den ganzen Hang wieder hinauf, weil ich dachte, dass sie vielleicht auf dem Plateau sein könnten. Aber wieder nichts! Mittlerweile waren meine Mitstreiter näher gekommen. Ich hatte meine Position hauptsächlich gehalten. Später wurde zu viert ein Ring gebildet, um die Schafe gemeinsam gen Osten zu treiben.

Mein Gastbruder kam auch einmal in bester Schäfer Manier mit einem mittelgroßen Lamm auf den Schultern in meine Richtung, überquerte den Fluss und fragte erstmal, ob mein Akku leer sei. Ehm, ja. Das Lamm gehörte nicht uns, sondern Nachbarn und hatte sich einfach unseren Schafen angeschlossen. Mir wurde gesagt, der Nachbar sei schon auf dem Weg, um es abzuholen.

Bis der Nachbar da war, hatte ich die Aufgabe, das Lamm in Schach zu halten. Das bedeutet, man hält es in der Nackenwolle so fest, dass es keinen Fuß auf die Erde kriegt. Es sitzt also quasi auf seinem Hinterteil. Ja, und dann stand ich da. Ohne Handschuhe, wegen besserem Pack an und natürlich musste mir mein Oberteil aus der Hose rutschen, sodass mein Rücken raus war. Bei Polarwind, der dir trotz Mütze deine Kopfhaut schmerzen ließ. Aber: Wolle hält ja warm und an ein wolliges Lamm „kuscheln“ auch. Nach etwa 20 Minuten, in denen ich mir immer wieder gesagt hatte, dass ich bloß nicht loslassen darf, kam mein Gastvater und wollte mich ablösen. Ich hatte die Sitzposition des Lamms immer mal wieder optimiert, weil es mir etwas leid tat, denn es klang, als würde die Position ihm nicht so gut bekommen (Können Schafe sauer aufstoßen?). Meinen Rücken hat es gefreut! Das Lamm aber auch. Mein Gastvater kam auf die Idee, dem Nachbarn entgegen zu kommen, als wir ihn in der Ferne sahen. Das war ein Fehler. Das Schaf konnte sich befreien. Ich habe es aber noch zu packen bekommen, musste aber loslassen. Den 30 cm Vorsprung runtergezogen zu werden, hätte ich wahrscheinlich noch verkraftet, aber wenige cm danach kam der Bach und hätte ich es nicht losgelassen, wäre ich in eben jenem gelandet. Und nein, da gebe ich zu, bin ich nicht bad ass genug für. Sprich: Der arme Nachbar ist völlig umsonst gekommen, aber immerhin war nicht ich es, die das Tier losgelassen hat.

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Wenn man sich das Foto mit dem Lavafeld, dem Bergplateau und dem Bach nun nochmal ansieht, erkennt man, dass wir nun schon sehr weit gekommen waren. Meine Gastmutter und -bruder, sowie die Hunde, hatten jetzt die Aufgabe, wo alle Schafe in der Schlucht waren, diese nun um den Berg herum zu unserem Hof zu treiben, wir anderen beiden haben uns über das Feld wieder in Richtung Auto begeben und uns auf den Heimweg gemacht. Zugegeben: Wesentlich entspannter. Mittlerweile hatte die Dämmerung auch schon voll eingesetzt und die Berge waren in rotes Licht getaucht.

Als wir wieder auf unserem Land angekommen waren, fuhren wir an unseren Schafweiden vorbei. Ich ließ meinen Blick über die Tiere schweifen, bis mir auffiel, dass dort ein Schaf auf dem Rücken lag. Kurz bevor ich nach Island gekommen war, hatte ich ein Buch von einem Amerikaner gelesen, der einen Sommer auf einem alten Hof in Island verbracht hatte (auch auf Snæfellsnes) und dessen Nachbarn Schafe hatten. Dort beschrieb er auch, wie er Schafe auf dem Rücken liegend vorgefunden hatte und dass diese, wenn man ihnen nicht aufhilft, sterben, weil sie nicht so leicht alleine wieder hochkommen. Mit dieser Info im Hinterkopf, machte ich meinen Gastvater also auf das Schaf aufmerksam, denn er hatte es nicht gesehen. So sind wir einige Meter rückwärts gefahren, haben angehalten, sind über den Wassergraben gesprungen und haben uns dem Tier genähert. Ihre Lämmchen standen verängstigt in sicherer Entfernung. Nachdem er ihr aufgeholfen hatte, ist sie die ersten Schritte in Richtung ihrer Lämmer etwas getorkelt, aber danach ging es wieder. Ein Glück!

Und so ging auch dieser Tag zuende. Aber nicht, bevor es noch schnell etwas zu Essen gab und wir die Kühe gemolken haben. Ich kann euch sagen, zum Schluss hat man die Anstrengungen richtig gemerkt und ich kroch auf dem Zahnfleisch. Man hat schließlich nicht nur den Schafabtrieb gemacht. Morgens um 7:45 war man ja bereits im Stall um die Kühe zu füttern und zu melken. Nach der Fütterung am Mittag ging es dann direkt zum Abtrieb und Anschließend noch bis etwa 20 Uhr zum Kühe melken. Und in den Stunden am Nachmittag hatte man ein ordentliches Pensum. Wenn man dachte: „Juhu, endlich sind wir auf dem Plateau angekommen.“, dann ging die Arbeit ja erst los. Aber nichts desto trotz hat es mir viel Spaß gemacht. Diese Arbeit hatte so etwas ursprüngliches. Du ganz alleine in der Natur, bis nach und nach deine Mitstreiter am Horizont auftauchen. Du bist dein eigener Herr und Tier und Mensch haben die gleichen Chancen. Wer schneller ist und die taktisch/ instinktiv bessere Entscheidung trifft, hat den Vorteil.

Das erinnert mich an eine Aktion, wo wir Schafe auf unseren Feldern getrieben haben. Mein Gastbruder und ich waren zu zweit unterwegs und eine 5er Gruppe Schafe war einige Meter weit von uns entfernt. Der Wind stand günstig, sodass sie uns nicht wittern konnten. Auf der Wiese war ein Felsbrocken. Gesehen hatten sie uns noch nicht und kamen in unsere Richtung. Mein Gastbruder leitete mich also an, dass ich mich hinter dem Felsen ducken und möglichst leise Atmen soll, wenn sie auf meiner Höhe sind. Er selbst hat sich ein Stück weiter vorne positioniert, sodass er auch nicht zu sehen war. Als die Schafe also forschen Schrittes an mir vorbei gelaufen kamen, habe ich mich auf möglichst leisen Sohlen hinten um den Felsen herum geschlichen, sodass ich hinter den Tieren war und ihnen den Fluchtweg abschneiden konnte. Hinterhältig, ich weiß. So konnte ich die Schafe dann in die Richtung meines Gastbruders treiben. Hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal auf Knien um einen Felsen herum schleichen würde, die Luft anhaltend und vorsichtig hervor luge, um zu schauen, wie weit die Tiere sind. Es ist irgendwie bizarr, aber wie gesagt: Dieses Ursprüngliche hat was. Man arbeitet hier ja, im Gegensatz zu den meisten Schäfern in Deutschland, mit wilden Tieren zusammen. Ich musste in der Zeit so oft an den Wilden Westen und an Indianer denken, das glaubt ihr nicht.

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Und das war er, der dritte und letzte Teil meiner „Schafabtrieb in Island“-Reihe. Ich hoffe, ihr hattet Spaß und euch hat der kleine Einblick in die Arbeit gefallen.

Wer Fragen oder eigene Geschichten hat, kann mir gerne einen Kommentar schreiben.

Wer die ersten beiden Teile verpasst hat, kann sie hier nachlesen:
1. Teil: Der erste Schafabtrieb – zu Fuß und zu Pferd
2. Teil: Réttir und Wettbewerbe

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2 Kommentare

  1. Hallo Silja, vielen Dank für deinen tollen ausführlichen dreiteiligen Bericht über den Schafabtrieb. Ich hatte bisher nur in einer Dokumentation darüber erfahren. Aber ich erzähle meinen Touristen auf jeder Tour in etwa, wie es abläuft und wozu der Réttir da ist. Nun kann ich es mir noch viel besser vorstellen. Herzliche Grüße, Kerstin

    • Hallo Kerstin, es freut mich sehr, dass dir die Reihe gefallen hat und du noch Neues erfahren konntest. Und wenn deine Touristen auch noch davon profitieren können, freut es mich umso mehr.
      Viele Grüße
      Silja

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